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Am
5. September 1880, einem Sonntag, erhielt Zweifall zu später Stunde
hohen Besuch. Die belgische Königin Marie übernachtete in dem
kleinen Eifelort. Die Königin weilte einige Wochen in Aachen zur
Kur und machte bei dieser Gelegenheit öfters Ausflüge in die
Umgebung. So fuhr sie auch am 5. September, von einer Hofdame und zwei
Dienern begleitet, in einer vierspännigen Kalesche von Aachen über
Kornelimünster und Roetgen nach Nideggen. Aber noch ehe die Königin
ihr Reiseziel erreichte, entlud sich über dem Rurtal ein schweres
Gewitter, und völlig durchnäßt fuhr die Reisegesell-schaft
mit dem königlichen Gefährt durch das Tor der Bergfeste. In
einem kleinen Laden tauschte die Königin ihr regennasses Kleid mit
einem neu erstandenen Kostüm und verließ nach kurzer Besichtigung
der Burgruine in aller Eile wieder die Bergfeste, um den Heimweg anzutreten.
Zwar
schien bei der Talfahrt aufs neue die Sonne, aber bei der Weiterfahrt
durch den Hürtgenwald dämmerte es schon, und zu allem Überfluß
kam noch ein dichter Nebel auf, so daß die Reisegesellschaft bald
die Orientierung verlor.
Nach
Einbruch der Dunkelheit, gegen 20 Uhr, gelangte sie jedoch schließlich
von Jägerhaus her nach Zweifall. Gleich im ersten Haus erkundigte
sich der Kutscher nach dem Namen des Ortes und nach einem Gasthof. Man
führte die von der Dunkelheit überraschte Gesellschaft zum nächstgelegenen
Lokal von Wilhelm Drilling (heute Erben Metzenrath), wo die Königin
mit ihrer Begleitung abstieg und um Quartier für die Nacht bat. Einer
der Diener wurde als reitender Bote nach Aachen entsandt, um dem dort
zurückgebliebenen Gefolge der Königin, das schon in großer
Sorge war, von dem Zwischenfall zu berichten. In Zweifall aber verbreitete
sich an dem Sonntagabend die Kunde von dem hohen Besuch wie ein Lauffeuer.
Mehr und mehr Leute versammelten sich vor der Wirtschaft Drilling, um
die Königin zu sehen, und diese zeigte sich auch mehrere Male am
Fenster ihres Zimmers und grüßte die Dorfbewohner. Auch die
Schützengesellschaft erkannte ihre Stunde. Eiligst trat sie mit dem
Ortsvorsteher zur Beratung zusammen, und wenig später erschien schon
der Vorstand im Quartier der Königin in voller Uniform und bot der
hohen Frau Ehrenwache für die Nacht und Geleit durch das Dorf an.
Beides wurde huldvoll entgegengenommen, und die Schützenwache zog
auf, während von Breinig noch Musik geholt wurde.
Am
nächsten Morgen war die Königin schon früh reisefertig,
machte aber zunächst in Begleitung der Schützen, mit denen sie
sich freundlich unterhielt, noch einen kurzen Gang durch das Dorf. Dann
bestieg sie ihren Wagen und verließ unter dem Geleit der Schützen
und der Musik den Ort, nicht ohne sich am Ausgang des Dorfes mit freundlichen
Worten von den Schützen und den vielen anwesenden Einwohnern zu verabschieden.
In
den nächsten Tagen stand das große Ereignis in allen Zeitungen,
und durch die Berichte gelangte das Dorf für einige Zeit zu einer
gewissen Berühmtheit.
Zu
Fuß und mit Wagen strömten in den nächsten Wochen Neugierige
nach Zweifall, die das Dorf sehen, die Wirtschaft kennenlernen wollten,
in der eine Königin übernachtet hatte.
Die
Schützengesellschaft erhielt über den von der Königin bereits
mündlich ausgesprochenen Dank hinaus in den nächsten Tagen von
der Königlichen Regierung in Aachen noch folgendes Dankschreiben:
Ihre
Majestät, die Königin der Belgier, hat durch die Aufmerksamkeit,
welche die Schützengesellschaft zu Zweifall Allerhöchstderselben
während ihres Aufenthaltes vom 5. zum 6. dieses Monats erwiesen hat,
Allerhöchst sich angenehm berührt gefunden und mir aufgetragen,
der Schützengesellschaft Allerhöchst ihren verbindlichen Dank
auszusprechen.
Aachen,
den 7. September 1880
Der
Regierungspräsident
Von
Hoffmann
Am
8. September kam die Königin wieder nach Zweifall, um nochmals dem
Wirt Wilhelm Drilling zu danken. Sie überreichte eine Uhr als Geschenk,
mit der Bitte, diese im Gasthaus aufzustellen. Es war eine Tafeluhr aus
schwarzem Marmor mit einem Bronceaufsatz, eine Jagdszene darstellend.
Außerdem gab die Königin in Einverständnis, das Gasthaus
von nun an Gasthof zur Königin der Belgier zu nennen.
Vierzig Jahre lang hat das Gasthaus auf seinem Restaurationsschild den
Ehrentitel geführt; 1920 wurde das Schild entfernt und der Name später
geändert in Gasthof zum Walde. Die Tafeluhr gelangte
durch Erbgang in den Besitz von August Schnitzler, der ihr in seiner Gastwirtschaft
einen Wandplatz einräumte. Dort stand sie bis zum Zweiten Weltkrieg.
Bei der Brückensprengung 1944 wurde die Uhr zerstört.
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